“Ich will einfach, dass mein Publikum mich mag”. Das ist der zentrale Wunsch von vielen meiner KundInnen. Meistens bleibt er unausgeprochen, doch er bleibt spürbar in jeder unsicheren Geste. Wer seine Wirkung auf der Bühne jedoch wirklich verbessern will, der übersieht oft den entscheideneden Faktor: Die eigene Bedürftigkeit loszulassen.
Darüber habe ich mit Otmar Kastner, Wirtschaftkabarettist und Empowerment-Speaker, gesprochen. Er selbst nutzt die Macht des Humors und erklärt, warum das Verlangen, gemocht zu werden, jede Bühnenpräsenz nachhaltig sabotieren kann. Und wie eine einzige innere Frage dich davon befreit.
In diesem Beitrag habe ich die wichtigsten Punkte aus unserem Gespräch gesammelt, die deinen nächsten Vortrag von Grund auf verändern können.
Otmar sagt es unverblümt: “Das wollen wir auf der Bühne auf keinen Fall sehen. Dass jemand bedürftig ist. Dass jemand um uns buhlt. Dass jemand alles tut, nur damit wir ihn lieben, schätzen, toll finden.”
In diesem kurzen Ausschnitt beschreibt er es ganz genau:
Wenn da auch nur ein Funke von mitschwingt, die Hoffnung, dass das Publikum gleich lacht oder dass es mich mag, dann ist die Verbindung zum Publikum schon vorbei, bevor sie überhaupt entstehen kann.
Otmars Gegenmittel? Er geht auf die Bühne mit dem Gedanken, dass die Zuschauer schon “ganz” sind. Souverän und angekommen. Kurz, sie brauchen ihn nicht. Was zuerst paradox klingt, ist in Wirklichkeit befreiend. Wer niemanden braucht, der kann geben, ohne zu betteln.
In der Praxis: Frag dich nicht “Werden sie mich mögen?”. Frag dich lieber, was du diesen Menschen zu geben hast. Ganz unabhängig davon, ob sie mich mögen. Der Unterschied wirkt klein, die Wirkung kann jedoch riesig sein.
So unterscheiden sich bedürftige und souveräne Reaktionen auf der Bühne:
Otmar nutzt einen einfachen, aber effektiven Trick. Er stellt sich vor seinem Auftritt vor, es wäre seine letzte Keynote überhaupt.
Diese Frage befreit ihn von jeder Rücksicht auf mögliche Konsequenzen. Er trifft die Entscheidung im Vorfeld, ohne sie auf der Bühne nochmal in Frage zu stellen. Genau diese Entschlossenheit ist es, die sein Publikum mitreißt.
Denn es spürt den Unterschied zwischen “Ich probiere es mal aus” und “Ich mache das jetzt, komme, was wolle”!
In der Praxis: Stell dir vor deinem nächsten Auftritt genau diese Frage: Was würdest du tun, wenn es meine letzte Keynote überhaupt wäre? Nicht, um dramatisch zu werden, sondern um herauszufinden, was du unbedingt sagen willst. Und es dann auch zu tun.
Bei seinen Auftritten lässt Otmar Menschen singend auf Stühlen und Tischen stehen. Bevor es allerdings dazu kommt, muss er durch einen entscheidenden Moment kommen. Die ein, zwei Sekunden, in denen sich seine Zuschauer fragen, ob er das jetzt wirklich ernst meint.
Er sagt selbst: “Das Wichtigste ist, die Erlaubnis zu geben, dass jemand über mich lachen darf”.
Es geht darum, die eigene Unvollkommenheit und Absurdität zuzulassen und stehen zu lassen. Ganz ohne Rechtfertigung oder Vermeidung.
Das Zweitwichtigste ist volle Verbindlichkeit. Wenn er etwas macht, dann zu 100 Prozent. Ganz egal, was die Leute davon halten. Halbherzig wirkt es immer peinlicher als konsequent durchgezogen.
In der Praxis: Baue für deinen nächsten Moment auf der Bühne einen kleinen, risikoarmen Moment ein, in dem du dich selbst nicht zu ernst nimmt. Zum Beispiel einen Versprecher, den du kommentierst oder eine überzeichnete Geste. Das trainiert dich darin, dass über dich gelacht werden darf, ohne dass zu viel auf dem Spiel steht.
In unserem Interview, erzählt Otmar eine Anekdote, die er liebt: Martin Luther King hatte sich für ein seine berühmte Rede “I have a dream” eine andere, durchstrukturierte Fassung ohne diesen Teil vorbereitet. Sein Team rat ihm nämlich, nicht schon wieder vom Traum zu sprechen. Auf der Bühne sprang der Funken so jedoch nicht über. Erst als eine Mitstreiterin ihm zuflüsterte “Speak about your dream!”, entzündete sich das Feuer, das bis heute nachwirkt.
Der Inhalt ist zweitrangig, wenn du wirklich für deine Sache brennst. In einer Keynote, die er selbst miterlebt hat, erzählte ein CEO vor 600 Mitarbeitenden über seine Version. Seine Speech war vollgepackt mit Fachbegriffen, die kaum jemand verstehen konnte. Trotzdem riss er sein Publikum mit. Weil seine Begeisterung echt war!
In der Praxis: Bevor du an deinen Folien oder deiner Struktur feilst, frag dich: Wofür brenne ich? Dann fokussiere dich in deinem Einstieg auf diesen Punkt.
Laut Psychologe Paul Watzlawick hat jeder Mensch einen “bunten Kern”, der von einer “grauen Schale” überzogen ist. Diese Schale hat sich im Laufe des Lebens angesammelt. Otmar findet, dass Humor das beste Mittel ist, um diese Schale wieder aufzulösen, um den bunten Kern freizulegen.
Das bedeutet nicht, dass man ständig witzig sein muss. Es bedeutet vielmehr, dass du dir erlaubst, auf der Bühne mehr von dem zu zeigen, was du wirklich bist, statt eine polierte Version deiner selbst zu zeigen.
In der Praxis: Achte in einem nächsten Gespräch bewusst auf einen Moment, in dem du eine unverstellte Reaktion zeigst, statt eine kontrollierte, professionellere Version. Das ist dein bunter Kern in Aktion.
Otmars Botschaft ist klar: Wirkung auf der Bühne entsteht nicht durch mehr Kontrolle, sondern durch weniger Bedürftigkeit.
Das komplette Interview mit noch viel mehr Einblicken von Otmar Kastner findest du hier:
Typische Anzeichen: Du fixierst dich auf die Reaktionen deiner Zuschauer und suchst nach Zustimmung in Form von Lachen oder Nicken. Dein innerer Kommentator dreht sich um “Komme ich gut an? Mögen sie mich?”.
Nein, ganz im Gegenteil. Wer nicht mehr um Bestätigung kämpft, lässt los. Und kann sich voll und ganz auf sein Publikum konzentrieren: Präsent und zugewandt.
Der Kern ist nicht Comedy, sondern Entschlossenheit kombiniert mit der Erlaubnis, auch unperfekt zu sein. Otmar nutzt Humor als Werkzeug, das ist aber keine Voraussetzung.
Beim ersten Mal kann es sich dramatisch oder übertrieben anfühlen. Allerdings geht es darum ein klares Ziel zu setzen: Was ist die eine Sache, die du deinen Zuschauern unbedingt vermitteln willst?
Wenn du dich beim Lesen gefragt hast, wofür du brennst und wie du das deinem Publikum von Anfang an zeigen kannst, dann lohnt sich ein Blick in den KickStart, mein kostenloses Workbook mit Videoanleitung.
Darin zeige ich dir die 9 besten Strategien und Prinzipien für Einleitungen, mit denen du die Zuschauer deiner Präsentation, deines Webinars, oder deiner Videos direkt in den Bann ziehst. Damit du nicht mehr lange grübeln musst!
Ich bin Matthias Messmer, Regisseur und Speaker-Coach in Hamburg. Ich helfe SpeakerInnen und ExpertInnen dabei, Vorträge, Keynotes, Webinare, Pitches und Videos dramaturgisch stark und wirkungsvoll zu inszenieren.
In meiner Arbeit geht es weniger um “noch mehr Inhalt", sondern um Wirkung: Präsenz, roter Faden, emotionale Dramaturgie. Bühnenpräsenz und Redeangst sind meine zentralen Themen. Sie sind der Schlüssel dafür, dass Botschaften nicht nur verstanden, sondern auch gefühlt werden.
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